Naga, Sudan

Archäologischer Park, Naga, Sudan

Naga liegt ca. 160 km nördlich von Khartum (Hauptstadt der Republik Sudan) und ca. 40 km östlich des Nils in der sogenannten Butana-Steppe, im Wadi Awateb am Berg Naga (Gebel Naga). Das Klima ist semiaride, die Landschaftsform ist eine Trockensavanne. Die Niederschläge sind begrenzt auf die Monate Juni bis September, können aber zeitweise auch nur sehr gering oder gar nicht auftreten.

In Naga, dem antiken Telkete oder auch Twylket, finden sich mehrere Tempel, zwei Hafire (künstlich angelegte Wasserstaubecken), zahlreiche Koms der alten Stadt sowie zwei große Friedhöfe. Die historische Stadt Naga umfaßt ein ca. 2 qkm großes Gebiet am Fuß des Gebel Naga. Das Bild der Ruinenstadt wird vor allem durch die Großbauten bestimmt. Die Tempel sind zum großen Teil aus dem anstehenden Sandstein erbaut. Von allen Gebäuden sind der Löwentempel und die Hathorkapelle am besten erhalten, aber auch andere Tempel, wie der Amuntempel und der Bergtempel, die z.T. zusammengestürzt sind, prägen gut sichtbar die Landschaft. Vom Gebel Naga aus lässt sich die Stadt Naga überblicken und es werden weitere zusammengestürzte Gebäude sichtbar, die als meterhohe Schutthaufen das Gebiet ebenso prägen wie die Grabhügel aus Legesteinen und die beiden Hafire (Wasserbecken), die sich in der Regenzeit nach wie vor mit Wasser füllen. Die zahlreichen antiken Steinbrüche des Gebel Naga, aus denen der für die Gebäude benötigte Sandstein gebrochen wurde, zeigen in perfekter Form, wie der Stein aus dem Berg gewonnen worden ist. Man hat den Eindruck, als wäre der Betrieb erst vor wenigen Monaten eingestellt worden und nicht bereits vor knapp 2000 Jahren. In unmittelbarer Nähe zum Löwentempel und der Hathorkapelle befindet sich der Bir el-Hakuna, ein 1910 von Engländern gegrabener Brunnen, der die hier lebenden Beduinen mit dem nötigen Trinkwasser für ihre Familien und Tiere versorgt. Naga ist somit kein von Menschen verlassener Ort, sondern durch den Brunnen ein zentraler Lebenspunkt für die Beduinen, die sich, auch durch ihre Mitarbeit während der Grabungskampagnen, mit diesem Ort identifizieren und und dadurch ein Teil von ihm sind.

Pämisse

Jeglicher Eingriff in eine historische Stätte verändert dessen Bild. Die mit einer archäologischen Grabung verbundenen Eingriffe sind mannigfaltig, und es stellt sich die Frage, ob die mit einer Grabung zwangsläufig einhergehende Veränderung und manchmal auch Zerstörung einer historischen Stätte gerechtfertigt ist. Prämisse der archäologischen Grabung des Ägyptischen Museums Berlin in Naga ist, den vorgefundenen Ort so wenig wie möglich zu verändern, den Charakter und die Authentizität des Ortes und der Denkmäler zu schützen sowie auf Rekonstruktionen der zerstörten Bauten zu verzichten. Der erhaltene Bestand sollte, soweit dies möglich ist, gesichert und die Struktur der Stadt und der Bauten sichtbar werden.

Die Hathorkapelle

Die Hathorkapelle, in der Vergangenheit auch Römischer Kiosk genannt, ist z.Z. das am südlichsten gelegene Beispiel für den Einfluss der ptolemäisch-römischen Architektur in Afrika. Die ägyptisch beeinflusste meroitische Architektur mischt sich hier mit Elementen der abendländischen Bauweise. Die Kapelle hat einen rechteckigen Grundriss mit vorgelagerten Halbsäulen.

Im Verlauf der Kampagne 2003 wurden an den Außen- und Innenseiten der Tempelwände Grabungen durchgeführt, bei denen ein Block mit Darstellung der Hathor zu Tage kam; dadurch konnte sie als als Hathorkapelle identifiziert werden. Die Hathorkapelle hat ihre 2000jährige Geschichte relativ gut überdauert, die Standsicherheit der Kapelle ist jedoch gefährdet. Im bodennahen Bereich ist der Sandstein durch Erosion von Wind und Wasser stark geschädigt. Da die Kapelle an einem tiefen Punkt des Wadis liegt, steckt der untere Teil des Gebäudes (ca. 75 cm) in den eingespülten Sedimenten. In der bodennahen Zone ist die Erosion am Sandstein am auffälligsten und es ist zu vermuten, dass innerhalb der Sedimentschicht einige Bereiche durch die Feuchtigkeit nur noch eine geringe Festigkeit aufweisen. Außerdem ist das Gefüge des Gebäudes verschoben und besonders die Kapitelle sind stark geschädigt. Einige Architrave sind durch die Verschiebungen abgesturzgefährdet bzw. sind bereits heruntergefallen. Die Kapitelle sind teilweise durch die auflastenden Gewichte (ca. 2t pro Architrav), wegen des schlechten Sandsteins, aus dem sie gefertigt wurden, und durch die thermischen Belastungen soweit gerissen und geschwächt, dass sie nur noch durch das aufliegende Gewicht der Architrave zusammengehalten werden. Dazu kommt, dass das Gefüge des Gebäudes stark verschoben ist und der statische Ring, den die Architravzone ursprünglich gebildet hatte, durch den in Teilen bereits erfolgten Einsturz nicht mehr gegeben ist. Daher kann die Kapelle nicht ohne eine Sicherung bzw. einen Teilabbau ausgegraben werden.

Der Amuntempel

Der bedeutendste Tempel in Naga ist der Amuntempel. Er wurde unter der Herrschaft des Königs Natakamani um die Zeitenwende erbaut. Der Amuntempel erhebt sich am Südrand der Stadt auf einer künstlich angelegten Terrasse, die über eine breite Rampe erreichbar ist. Er hat eine Gesamtlänge von ca. 135 m mit einem Niveauanstieg von ca. 7 m. Die Wände waren einst weiß verputzt und mit hochwertigen Reliefs verziert. Zwölf Widder bilden, unterbrochen von einer Stationskapelle auf halbem Weg, eine eindrucksvolle Zugangsallee zum Tempel. Ein dreizehnter Widder steht östlich, außerhalb des Tempels auf einem frei zugänglichen Opferplatz. Vom Pylon des Tempels (Toranlage mit Flankentürmen) ist nur das Sandsteinportal mit seinen Reliefs und Inschriften erhalten. Im anschließenden Hypostyl (Säulensaal) hat lediglich eine der urspünglich acht mit Reliefs verzierten Säulen, die die Decke trugen, die Jahrhunderte aufrecht stehend überdauert. Alle anderen Säulen sind umgestürzt.

Fünf Säulen, die im Laufe der Grabung – in ihre einzelnen Teile zerfallen – freigelegt wurden, stehen heute wieder aufrecht. Über einen Sandsteinpflasterweg gelangt man durch zwei weitere Räume und drei Tore ins Sanktuar (Altarraum) des Tempels. Hier stand ein intakter 1,6 t schwerer Sandsteinaltar mit außergewöhnlich qualitätvollen Reliefs. Er wurde aus Sicherheitsgründen aus dem Tempel entfernt und ist im Nationalmuseum von Khartum zu sehen. Unter freiem Himmel steht heute eine Replik, die mittels genauester Daten aus dem 3D-Streifenlichtcanning erstellt wurde. Der Amuntempel wurde am 01.12.2006 feierlich wiedereingeweiht und an die sudanesische Altertümerverwaltung übergeben.

Erfassen der Anlage im 3D-Scannverfahren

2005 wurde damit begonnen, den Zustand der Hathorkapelle mit dem 3D Scan-Verfahren zu dokumentieren. Bei diesem Verfahren wird ein dreidimensionaler Datensatz mittels eines Streifenlichtscanners erstellt, der eine millimetergenaue Wiedergabe der Bauteile der Kapelle ermöglicht. Das ganze Gebäude steht somit dreidimensional erfasst und auch als Ausdruck bzw. gefräßt als Modell zur Verfügung. Zudem können die stark zerstörten Kapitelle auf zehntel Millimeter genau dargestellt und rekonstruiert werden. Diese Technik ermöglicht ein objektives Arbeiten und beinhaltet die Möglichkeit, viele Fragen zur Konzeption und zur Umsetzung im Vorfeld am Computer virtuell zu klären.

 Restaurierungskonzept

Das in der Architektur vorherrschende Material ist Sandstein sowie gebrannter und ungebrannter Ziegel. Man kann davon ausgehen, dass fast alle Architekturkörper mit einem Kalk- oder Lehmputz überzogen und diese polychrom gefasst waren. Die Verwitterung der Teile, die sich in der Zeit seit ihrer Erbauung immer über dem Bodenniveau befanden, also nicht durch Sand bedeckt waren, ist erwartungsgemäß weitaus stärker voran geschritten als bei denen, die sich über einen langen Zeitraum geschützt unter dem Sand befanden. Besonders anfällig für die Zerstörung durch Wind, Sand, Sonne und Wasser sind die Farbfassungen, die Putze und die Lehmziegel.

Ziel des Projektes ist die weitestgehende Erhaltung und Konsolidierung der originalen Substanz. Neue Materialien werden nur hinzugefügt, wo dies statisch oder konstruktiv unabdingbar ist. Das betrifft vor allem die bodennahen Zonen, da Erosion und Auswaschungen hier die größten und statisch-konstruktiv folgenreichsten Schäden angerichtet haben. Verlorene Bereiche werden nicht rekonstruiert. Müssen einzelne Steine wegen ihres schlechten Erhaltungszustandes durch Neustücke ersetzt werden, so wird hierfür der anstehende Sandstein verwendet. Eine mögliche Alternative ist die Anfertigung von Abformungen der originalen Elemente in Kunststein. Neustücke in Stein werden als einfache geometrische Körper ausgeformt, ohne bildnerische Details zu rekonstruieren. In jedem Fall müssen die ersetzten Bereiche kenntlich bleiben. Verlorene Stucküberzüge werden nicht rekonsturiert. Die Gebäude werden nur soweit wiederaufgebaut, wie der originale Bestand dies zulässt; der Ruinencharakter der Anlage bleibt in jedem Fall gewahrt. Es ist davon auszugehen, dass bei einer sachgerechten Konsolidierung der Objekte sowohl restauratorisch-konservatorisch, als auch statisch-konstruktiv eine weitere freie Bewitterung zu vertreten ist.

Restaurierungskampagnen

Seit dem Jahr 2000 und somit ca. seit 15 Jahren ist Restaurierung am Oberbaum (RaO) im Rahmen der Grabung des Ägyptischen Museums Berlin mit Teilen der Konzeption und Ausführung zur Konservierung und Restaurierung der Architektur und der damit verbundenen Artefakte aus Naturstein betraut.

  • Im Zuge der Restaurierungskampagne 2003 konnten zwei (C, F) der urspünglich acht Säulen im Hypostyl des Amuntempels wiederaufgerichtet sowie erste restauratorische Maßnahmen an den Säulen „D“ und „E“ ausgeführt werden.
  • Frühjahr 2005: Restaurierung der Bauteile der Säulen „D“ und „E“ und Wiederaufrichtung der Säulen im Hypostyl des Amuntempels sowie Sicherung, Demontage und Wiederaufbau des 13. Widders, der außerhalb des Amuntempels steht.
  • November 2005: Erfassen der Hathorkapelle mittels 3D-Scan-Verfahren, Anlegen eines Bauteil- sowie Zustandskataloges, Zustands-/Schadenskartierung, Sicherungsmaßnahmen an den Kapitellen, Teilabbau der absturzgefährdeten Bereiche, Sicherung von verstürzten Architekturteilen.
  • Frühjahr 2006: Wiedererrichtung der Säule „B“ im Hypostyl des Amuntempels sowie Weiterführung der Schadenskartierung und Weiterführung des Bauteilkataloges für die Hathorkapelle sowie Konservierung/Restaurierung von demontierten, stark gefährdeten Bauteilen.
  • November/Dezember 2006: Herstellen einer Replik des Altars aus dem Sanktuar des Amuntempels, Weiterführung der Schadenskartierung und des Bauteilkataloges für die Hathorkapelle sowie Konservierung/Restaurierung von demontierten, stark gefährdeten Bauteilen.
  • November/Dezember 2007: Weiterführung des Bauteilkataloges, Sicherung und Demontage weiterer gefährdeter Bauteile der Hathorkapelle
  • Konservierung und Restaurierung sich im Verband befindlicher Bauteile sowie der ausgegrabenen, unteren Bereiche der Hathorkapelle, Weiterführung des Bauteil- und Zustandskataloges, Kartierungen, Fotodokumentation.
  • Konservierung/Restaurierung der stark entfestigten unteren Steinquader und der geschädigten Bodenfunde, Maßnahmen zur Verbesserung der Gebäudestatik an der Hathorkapelle.
  • Reproduzieren der stark zerstörten Kapitelle nach den 3D-Scandaten, Wiederverbau der demontierten und konservierten sowie der rekonstruierten Bauteile der Hathorkapelle.
Auftraggeber:

Ägyptisches Museum und Papyrussammlung, Staatliche Museen Berlin. Verein zur Förderung des Ägyptischen Museums Berlin E.V.

Ausführungszeitraum:

2000 – heute

Veröffentlichung:
Jan Hamann. Naga-Projekt SUDAN. Archäologie und Restaurierung im Sudan – Restaurierungsethische Überlegungen zur Hathor-Kapelle. in: Uwe Peltz, Olivia Zorn [Hrsg.]: kulturGUTerhalten. Standards in der Restaurierungswissenschaft und Denkmalpflege. Verlag von Zabern, 2009

Riedel, A.; J. Hamann. From the quarry to the finished building. The ancient Meroitic stone masonry at the site of Naga / Sudan, in: Proceedings of the Third International Congress on Construction History. Cottbus, 2009

Thomas Lucker  Restoration and Reconstruction. A Concept for Preservation and Presentation of Ancient Architecture in Naga, Sudan, in: Mayer, W. – Proceedings of Building Materials of Egyptian Monuments Conference. Methods of Conservation and Documentation. International Forum I and II 1-3 December 2003 and 26-28 April 2004. Kairo: Goethe-Institut o.J.